"Mit Bravour"

Tittelbach TV Kritik zum ARD Start ab 14.2. im Ersten Deutschen Fernsehen.

Eine der zwei Serien des Monats gehört in die Top Five im Februar: Da ist „Tage, die es nicht gab“, die einmal mehr auf ein Frauen-Quartett (Weisz, Amft, Hackl, Gerat) setzt und mit Drama & etwas Krimi, köstlichem Austria-Schmäh (Höfferer) & toxischer Männlichkeit (Lust, Krassnitzer) acht Folgen lang bestens unterhält.

(Rainer Tittelbach)


Die österreichisch-deutsche Dramaserie „Tage, die es nicht gab“ (ARD / MR-Film) verhandelt die seelischen Nöte von Menschen, die nur auf den ersten Blick nichts auszustehen haben. Auslöser der dramatischen Entwicklungen ist der ungeklärte Tod des örtlichen Schulleiters. Vor drei Jahren als Suizid zu den Akten gelegt, bringen neue Nachforschungen vier freundschaftlich verschworene Geheimnisträgerinnen in Verdacht. An der Seite eines Cold-Case-Duos aus Wien offenbaren sich Stück für Stück die Untiefen ihrer Biografien. Elegant verwoben und visuell einfallsreich erzählt, halten sich Drama und subtile Komik die Waage. Für Letzteres sorgt die Solistin im Spiel. Die krimierfahrene Sissy Höferer als Kommissarin sticht in einer ungewöhnlichen Rolle aus der durchweg interessanten Besetzung heraus. Eine sehenswerte Studie mit Krimi-Touch und ohne übertriebene Sentimentalitäten.

Der Verdacht, dass Paul Paulitz (Harald Krassnitzer) unfreiwillig aus dem Leben schied, hält sich hartnäckig. Kommissarin Grünberger (Sissy Höfferer) und Ermittler Leodolter (Tobias Resch) nehmen den drei Jahre zurückliegenden Suizid unter die Lupe. In Salzburgs reichster Gemeinde Zollberg trauert nach wie vor kein Mensch um den Direktor der Eliteschule „Sophianum“. Bevor das Cold-Case-Duo aus Wien eintrifft, stellt „Tage, die es nicht gab“ (MR-Film Wien) vier der Nicht-Trauernden näher vor. Inzwischen Nachbarinnen im Villenviertel, haben Miriam (Franziska Weisz), Doris (Diana Amft), Inès (Jasmin Gerat) und Christiane (Franziska Hackl) seit ihrer Schulzeit im Sophianum einige Stürme gemeinsam bestanden. Ein paar Geheimnisse behält jede für sich. In acht Episoden dröselt „Tage, die es nicht gab“ diese Geheimnisse auf. Das Buch von Mischa Zickler („Walking on Sunshine“) verschränkt dabei mehrere Erzählstränge, wechselt zwischen den aktuellen Ermittlungen und den Tagen rund um Paulitz‘ Tod. Der fällt anfangs wie ein Stein vor der grauen Wand eines riesigen Staudamms durchs Bild. Später blicken wir immer wieder aus nächster Nähe in die angstvoll aufgerissenen Augen des Fallenden. In dramatischen Slow-Motion-Aufnahmen stürzt Paulitz in die Tiefe. In wessen Augen er zuletzt sah, darum geht es – auch.

„Tage, die es nicht gab“ ist kein Krimi und kein Wettlauf gegen die Zeit. Die Dramaserie verhandelt Gefühle, Verletzungen, Geschlechterbilder und Zumutungen. Der vermeintliche Mord an Paulitz ist dabei nur eines von vielen Glutnestern am Grund der Geschichten. Im Zentrum stehen vier Frauen, die nicht nur Prosecco trinken. Der Vorspann spielt geheimnisvoll mit ihren Gesichtern. Sie verschwimmen wie Fotografien im Entwicklerbad. Die Botschaft: alles ist unfertig, alles ist im Wandel. In Episode vier fällt das Halbzeit-Fazit der perfekt gezimmerten Biografien eher nüchtern aus. Staatsanwältin Miriam steht unter Mordverdacht und kämpft gegen ihren manipulativen Mann (Andreas Lust) um das Sorgerecht für drei Kinder. Doris bekommt zwischen herrischer Mutter (Jutta Speidel) und altkluger Tochter (Niobe Eckert) kaum noch Luft. Christiane kann die lähmende Trauer um ihren toten Sohn nicht überwinden, während Inès den Gedanken zulassen muss, dass ihr Leben ohne Sohn (Etienne Halsdorf) vielleicht ein Besseres wäre. Gemeinsam ist den Freundinnen, dass sie ihr Scheitern einander eingestehen. Ihren Männern gegenüber gelingt das nicht immer. Ein Segen ist, dass „Tage, die es nicht gab“ bei all diesen Verhandlungen manches ausspart, was das Thema nahelegt. Die Serie ergeht sich nicht in endlosen Geschlechterkämpfen, sie zwingt Erwachsene nicht auf kleine Klassenzimmerstühle, sie gönnt auch den männlichen Protagonisten (wie Andreas Lust) Charisma. Die meisten Lektionen anderer „Familien-Eltern-Problemfilme“ haben diese Paare längst hinter sich. Wer trotzdem zu viel Schwarz-Weiss-Malerei befürchtet, der kann auf ein zunächst unauffälliges, dafür beharrlich Raum greifendes Grau vertrauen. Es betritt in Gestalt von Kommissarin Grünberger die Szenerie.

Mit grausträhnigem Haar und tiefen Falten auf der Stirn verkörpert Sissy Höfferer (von 2008-2016: 177 Folgen „SOKO Köln“) als in sich ruhende Kommissarin einen interessanten Gegenentwurf zum Zollberger Damenquartett. Statt offen ausgetragenen Machtkämpfen durchweht leise Komik jede Szene, in der das ungleiche Ermittlerduo aus Wien auftritt. Höfferer und Resch erden das Geschehen, bringen den Krimi zurück ins Spiel und kompensieren das dramatische Drumherum durch gesunden Menschenverstand und trockenen Humor. Dabei setzen sie das Puzzle zusammen. An ihrer Seite reist der Zuschauer auf der Suche nach fehlenden Teilen durch die Zeit. Schon die Auftaktfolge offenbart, dass „Tage, die es nicht gab“ das Vergehen von Zeit über reine Schnitte hinaus filmisch elegant erzählt. So etwa in mehreren Überblendungen, die den Ort, an dem Christianes Sohn nach einer Demütigung durch den Direktor drei Tage vor Paulitz` Tod aus einem Schulfenster in den Tod sprang, verwandeln. Aus hoher Aufsicht blickt die Kamera in den himmellosen Innenhof des Sophianums. Das sich wandelnde Bild am Boden verlinkt in einer Einstellung dramatische Szenen aus der Vergangenheit mit den Nachforschungen der Ermittler im Hier und Jetzt. Erst am Ende der Episode und nach dieser Verlinkung lassen sich die vorhergegangenen Szenen der jeweils richtigen Zeit zuordnen. Dank der überschaubaren Szenerie bleibt die Erzählung dabei nachvollziehbar. Nichts wirkt irritierend. Eine andere Variante des filmischen Erzählens zeigt in Episode fünf die Stunde vor Paulitz` Tod, indem sie die dazugehörigen Szenen gegen die vergehende Zeit zurückspult. Neben der gelungenen Besetzung erfrischen visuelle Einfälle wie diese (Regie: Anna Katharina Maier, Mirjam Unger) die Serie. Sperrig wirken dagegen ein paar wenige überladene Dialoge, darunter die scheiternden Versuche ein Kind im Teenageralter zu erreichen. Inès drogenkranker Sohn und Doris analytisch überambitionierte Tochter wirken in ihrem Verhalten immer einen Tick zu überdreht.

Wie das große US-Vorbild „Big Little Lies“ seziert „Tage, die es nicht gab“ auf der Grundlage eines ungeklärten Mordfalls die seelische Versehrtheit der Privilegierten. Die Grundlage, vor allem der Soundteppich, den David Reichelt eingespielt hat, arbeitet mit sanften Vibes, die nicht nur zu Beginn jeder Episode an Michael Kiwanukas „Cold Little Heart“ erinnern. Dabei erweitert der Achtteiler die Szenerie um realistische Lebenswelten wie die Spedition, in der Doris um ihre Position kämpft und lässt dank sanftem Grundton und stilsicheren Accessoires mehrere Optionen der Rezeption zu. Man muss die Serie nicht als schockgeschwängerte Abfolge problematischer Familienaufstellungen betrachten, man kann sie als subtiles Spiel emotionaler Abhängigkeiten auch genießen. Tragende Säulen in diesem Spiel sind vor allem die älteren Semester, die für die seelischen Blessuren der im Mittelpunkt stehenden Ü-Vierziger verantwortlich sind. Neben Sissy Höfferer, die als Kommissarin grau funkelt, schultern Harald Krassnitzer und Jutta Speidel als Despoten der (Groß-)Elterngeneration diesen Job mit Bravour. (Text-Stand: 20.1.2023)

Martina Kalweit


Dieser Artikel stammt von http://www.tittelbach.tv/programm/serie/artikel-6264.html



mirjam unger